„Viel Gehirnentwicklung in den ersten 3 Jahren“ – Interview mit Dr. Stefanie Höhl von der Fakultät für Psychologie an der Universität Wien.
Entwicklungspsychologin Stefanie Höhl über Gehirnentwicklung, den Sinn von Babysprache und „Late Talker“.
Was sind wichtige Sprachentwicklung-Bausteine?
Höhl: Sprachverständnis erfolgt vor der Sprachproduktion, also verstehen Kinder viel, bevor sie zu sprechen beginnen. Einfache Aufforderungen können sie mit rund einem Jahr verstehen, und um den ersten Geburtstag herum werden die ersten Worte gesprochen. Das Anlegen neuronaler Netzwerke im Gehirn beginnt allerdings schon im Mutterleib: Ungeborene hören zwar im Mutterleib gedämpft – aber das, was die Mutter sagt, hören sie deutlich.
Macht Babysprache Sinn?
Wenn damit gemeint ist, dass man sehr deutlich spricht, starke Sprachmelodien verwendet und freundlich spricht, kann man das aus der Forschung nur bejahen, da es für die Sprachentwicklung sehr gut ist. Kinder hören diese „Infant-directed Speech“ lieber, denn sie hilft ihnen, Sprache zu segmentieren und aus dem Sprachfluss einzelne Silben und Wörter herauszuhören.
Ungeborene hören deutlich das, was die Mutter sagt.
Dr. Stefanie Höhl, Fakultät für Psychologie, Universität Wien
Was bedeutet diese rasante Entwicklung für die kindliche Psyche?
Wir Menschen kommen im Vergleich zu anderen Säugetieren mit einem relativ unreifen Gehirn auf die Welt. Das hat zur Folge, dass in den ersten drei Lebensjahren viel Gehirnentwicklung stattfindet und wir sehr viel sehr schnell lernen können. Dadurch hat man in den ersten drei Jahren viele Chancen, etwa wenn man zweisprachig aufwächst. Auf der anderen Seite ist es eine Phase, die mit vielen Risiken verbunden ist, wenn der normale und gesunde Input für die Entwicklung fehlt.
Wann wird eine Entwicklungsverzögerung problematisch?
Mit 18 Monaten sollte ein Kind ca. 50 Worte sprechen. Wenn es erst rund zehn Wörter spricht, sollte man sich überlegen, ob eine verzögerte Sprachentwicklung da ist. Wenn das Kind mit zwei Jahren immer noch weniger als 50 Wörter spricht und auch keine Wortkombinationen benutzt, handelt es sich um „Late Talker“. Von diesen holt die Hälfte auf und entwickelt sich normal, die andere Hälfte entwickelt eine Sprachentwicklungsverzögerung oder eine Sprachentwicklungsstörung – und diese Kinder brauchen dann Hilfe.
