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Home » Wenn Rechnen zum Problem wird
Bildung

Wenn Rechnen zum Problem wird

Marlene MayerVon Marlene MayerAugust 21, 20244 Minuten Lesezeit
© Shutterstock
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Sie zählen mit den Fingern, und das kleine Einmaleins raubt ihnen den Schlaf. Viele Kinder leiden an Dyskalkulie. Gezielte Förderung kann helfen.

Johannes war im vergangenen Schuljahr in der dritten Klasse. Im Vorjahr hat er sich den ganzen Sommer auf die Schule gefreut, auf seine Freunde, die Lehrer, ja, auch auf das Lernen selbst. Er ist ein aufgewecktes Kind, spielt nachmittags gerne Fußball, schreibt fantasievolle Aufsätze und erzählt viel – nur das Rechnen fällt ihm zunehmend schwerer. So schwer, dass die Lust am Lernen nur wenige Wochen nach Schulbeginn jeder Menge Frust Platz gemacht hat. Johannes leidet an Dyskalkulie. Das ist eine Rechenschwäche, die leicht überwunden werden kann, sofern sie früh erkannt wird. Und genau da liegt die Krux begraben: „In den meisten Fällen von Rechenschwäche kommt von der Lehrkraft zunächst einmal der Hinweis, dass das Kind sich schwer tut und dass es mehr üben soll. Das ist nachvollziehbar, aber genau dabei geht oft viel Zeit verloren. Denn einfaches Wiederholen und Üben ist im Falle einer Rechenschwäche kontraproduktiv“, erzählt Therapeutin Ute Vonkilch, die gemeinsam mit Renate Höglinger-Lentsch das Wiener Recheninstitut gegründet hat, ein Lernzentrum wo Kindern mit mathematischen Lernschwierigkeiten gezielt geholfen wird.

Verstehen statt Üben

Etwa acht bis zehn Prozent der Volksschüler sind hierzulande von einer Rechenschwäche betroffen, schätzt die Expertin. Die Ursachen liegen meist in kleinen Defiziten, die zunächst einfach übersehen und so ab dem Vorschulalter mitgenommen werden. Je weiter der Stoff fortschreitet, desto eher machen sich diese Schwächen bei den Grundlagen schließlich negativ bemerkbar. „Ein großes Problem ist, dass in der Volksschule Kinder mit sehr unterschiedlichem Leistungsniveau aufeinandertreffen. Kinder, die am Anfang unter dem Durchschnitt liegen, haben es sehr schwer, das wieder aufzuholen“, so Vonkilch. Und weiter: „Dabei ist es aber wichtig zu sagen: Eine Rechenschwäche ist keine Krankheit, sie ist das Resultat von falschen Lernprozessen. Man kann den Kindern sehr leicht helfen, nur von alleine geht der Knopf meistens eben nicht auf.“ Aber woran erkennt man so eine Rechenschwäche nun eigentlich? Mathematik gilt immerhin als unbeliebtestes Fach bei Österreichs Schülern, mit 65 Prozent führt es die Fächer, in denen Nachhilfe gegeben wird, mühelos an. Und gerade weil Mathe so einen schlechten Ruf hat, werden erste Schwierigkeiten leicht übersehen oder einfach als normal hingenommen.

© Shutterstock

Schnelle Hilfe zählt

Typische Symptome einer Dyskalkulie bei Erstklässlern sind etwa Probleme beim Weiterzählen von einer höheren Zahl, Schwierigkeiten beim Rückwärtszählen, vor allem aber ein fehlendes Bewusstsein dafür, dass Zahlen Mengen ausdrücken, 1, 2 und 3 also nicht nur leere Begriffe sind, die es auswendig zu lernen gilt. Auswendig Lernen und zählendes Rechnen sind dann auch die klassischen Methoden, die betroffene Kinder anwenden, um den Schulstoff zu meistern. Das geht ein paar Wochen und Monate gut, doch früher oder später fällt auf, dass das Kind langsamer ist als die anderen Klassenkollegen. Werden sie dann dazu angehalten, mehr und mehr zu üben, festigen sich diese falschen Techniken nur immer weiter, verstanden wird dabei aber nicht mehr. Nur wenn man zu den Grundlagen zurück geht und diese verständlich macht, kann die Lernstörung langfristig behoben werden.

„Wichtig ist es, dass Schule, Eltern und gegebenenfalls externe therapeutische Hilfe an einem Strang ziehen und zusammenarbeiten“, weiß Vonkilch. „Gezielte Einzelförderung ist an den Schulen durch die Rahmenbedingungen einfach nicht möglich, gleichzeitig ist es für die Lehrer aber wichtig, zu wissen, wo das Kind in der Förderung gerade steht.“ Je früher die Hilfe kommt, desto besser. Innerhalb der Schuleingangsphase kann eine richtig erkannte Rechenschwäche etwa sehr leicht aufgelöst werden. Hat sich bereits ein ganzer Berg an Defiziten angehäuft, kann es hingegen sinnvoll sein, eine Dyskalkulie-Diagnose einzuholen.

Mathe im Kindergarten.

Ähnlich wie bei der Legasthenie haben Lehrkräfte bei Kindern mit einem fachlichen Gutachten nämlich die Möglichkeit, weniger strenge Maßstäbe ansetzen. So sind etwa Zeitzugaben oder die vorübergehende Verwendung von unterstützenden Materialien solch möglich Hilfestellungen. Seit 2017 gilt ein Erlass des Bildungsministeriums, der die Rahmenbedingungen für Förderung und Bewertung rechenschwacher Kinder genau festlegt – zunächst muss dafür jedoch ein psychologisches Gutachten eingeholt werden. Grundlage für dieses Gutachten ist ein Intelligenztest. Bei durchschnittlich intelligenten Kindern, also Kindern mit einem IQ von 70 und höher, die im Bereich Mathematik deutlich schlechtere Ergebnisse als in den anderen getesteten Bereichen haben, kann dann in der Regel von Dyskalkulie gesprochen werden. Die offizielle Feststellung der Teilleistungsschwäche macht es Lehrern immerhin möglich, den Druck im Schulalltag etwas herauszunehmen, bis die Basiskenntnisse aufgeholt sind.

Damit es gar nicht so weit kommt, wäre eine halbwegs einheitliche und sinnvolle Vorbereitung im Vorschulalter auf die Schulmathematik wünschenswert, so Vonkilch. So könnten die meisten Probleme schon im Vorfeld verhindert werden. Gut möglich, dass solch mathematische Grunderfahrungen im Kindergarten auch Johannes den Einstieg ins Rechnen leichter gemacht hätten.

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Marlene Mayer

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