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Home » Psychopharmaka – große Unwissenheit bei Jugendlichen
Gesund bleiben

Psychopharmaka – große Unwissenheit bei Jugendlichen

Rat auf DrahtVon Rat auf DrahtDezember 28, 2024Aktualisiert:Feber 24, 20265 Minuten Lesezeit
© Shutterstock
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Mangelndes Wissen herrscht bei Österreichs Jugendlichen vor, was die Wirkungsweise von Psychopharmaka betrifft. Rat auf Draht und SOS-Kinderdorf Experte klären zusammen auf.

Immer mehr Jugendliche beschäftigten sich mit ihrer psychischen Gesundheit, wie die Zahlen des psychosozialen Notdienstes Rat auf Draht zeigen. In den ersten neun Monaten 2024 wurden 4687 Beratungsgespräche zu diesem Thema geführt. Das entspricht einem Plus von 1,21 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die meisten Anfragen gab es zur Auskunft über die psychosoziale Versorgung (1.860), gefolgt von Suizidalität (802) sowie selbstverletzendem Verhalten (518).

Was in den Beratungsgesprächen mit jungen Menschen in jüngster Zeit besonders auffällt, ist ihre große Unwissenheit und Desinformation über den Umgang mit Psychopharmaka. „Die Anrufer:innen berichten davon, dass sie eigenhändig ohne ärztliche Absprache ihre Medikamente abrupt abgesetzt haben. Einerseits, weil sie Angst vor Nebenwirkungen haben oder denken, sie würden ohnehin nicht wirken. Auch herrscht der Glaube, dass sie, wenn sie einmal Psychopharmaka nehmen, sie diese ihr ganzes Leben lang nehmen müssen“, erklärt Birgit Satke, Leiterin der Notrufnummer 147 von Rat auf Draht.

Auch Christian Kienbacher, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Leiter des Ambulatoriums für Kinder und Jugendpsychiatrie von SOS-Kinderdorf in Wien-Floridsdorf, weiß aus der täglichen Arbeit ähnliches zu berichten: „Jugendliche haben Angst, dass sich durch die Einnahme von Psychopharmaka ihre Persönlichkeit verändert, dass sie abhängig werden könnten oder ein Leben lang auf sie angewiesen sein müssen.“

Beide Expert:innen sind sich einig, dass dies eine Entwicklung ist, die man durchaus ernst nehmen müsse und wollen über die größten Sorgen junger Menschen sowie Irrtümer aufklären. Oberstes Gebot sei, die Kinder mit ihren Ängsten und Bedenken ernst zu nehmen und entsprechend aufzuklären, so Satke und Kienbacher unisono. Wichtig sei zuallererst zu vermitteln, dass eine Einnahme von Psychopharmaka niemals allein verordnet wird, sondern stets im Rahmen einer Kombination verschiedener Interventionen. „Oberstes Ziel ist, gerade bei Jugendlichen genau darauf zu achten, ob die Symptomatik so ausgeprägt ist, sprich eine Depression so schwer, das ADHS so stark, dass andere Mittel wie eine Therapie allein nicht mehr ausreichen und man Medikamente dazu verordnet. Eine Medikation ist niemals das erste Mittel“, so Kienbacher.

Der Großteil der Psychopharmaka muss rund drei bis vier Wochen eingenommen werden, bevor sich eine Wirkung zeigt, anders als etwa bei Schmerzmitteln, die unmittelbar wirken. „Es ist ratsam, immer mit einer geringen Dosis zu beginnen, auf Nebenwirkungen zu achten und sich langsam zur Zieldosis hinzuarbeiten“, sagt Kienbacher. Wichtig ist oft der Zeitpunkt, an dem die Einnahme startet. „Mit einer Einnahme am Wochenende zu beginnen, wo die Eltern zuhause sind, ist ratsam. Am Montag in der Früh vor Schulbeginn zu starten, eher nicht“, so der Experte.

Da die Aufdosierung bis zur Wirkung wie erwähnt rund vier Wochen dauert, ist kein Suchtpotenzial vorhanden. Einzig Benzodiazepine (Benzos) können abhängig machen, werden bei Kindern und Jugendlichen aber selten bis gar nicht verschrieben.

Der Großteil der Präparate, der in der Kinder- und Jugendpsychiatrie eingesetzt wird, ist zwischen 20 und 30 Jahren alt und dementsprechend gut erprobt und deren Wirkung auch durch unabhängige Studien belegt. „Natürlich können dennoch Nebenwirkungen auftreten. Wenn ein Jugendlicher etwa manisch-depressiv ist und ein Neuroleptikum zu Stabilisierung seiner Stimmung bekommt, dann kann er an Gewicht zunehmen. Am Ende des Tages hat der Patient immer Recht. Wenn er Beschwerden hat, dann wird eine Alternative gefunden“, so Kienbacher.

© Shutterstock – Eine umfassende Aufklärung über die Wirkungsweise von Psychopharmaka sei daher wichtig, sind sich beide Exptert:innen einig. Darüber hinaus sollen Kinder und Jugendliche die Möglichkeit haben, sich niederschwellig und unkompliziert Hilfe holen zu können.

Eine lebenslange Einnahme von Psychopharmaka ist in den meisten Fällen nicht nötig. „Klar, Psychopharmaka müssen länger eingenommen werden als ein Hustensaft. Eine Therapie soll den Patienten stärken und ist aber nach einiger Zeit auch wieder erledigt. Es gibt chronische Fälle, aber zum Glück auch sehr viele einmalige. Zudem werden die Patient:innen älter und entwickeln sich, finden, etwa bei ADHS auch andere Strategien“, erklärt Kienbacher.

Ihre Medikation absetzen sollten Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene, niemals ohne ärztliche Absprache. „Psychopharmaka unter Kontrolle abzusetzen hilft, Rückfälle zu vermeiden. Ein zu rasches Absetzen kann zudem auch Auswirkungen auf den Körper haben“.

Eine umfassende Aufklärung über die Wirkungsweise von Psychopharmaka sei daher wichtig, sind sich beide Exptert:innen einig. Darüber hinaus sollen Kinder und Jugendliche die Möglichkeit haben, sich niederschwellig und unkompliziert Hilfe holen zu können. Denn die Bereitschaft von Kindern und Jugendlichen, sich bei psychischen Erkrankungen Unterstützung zu holen, habe sich laut Satke und Kienbacher im Vergleich zu früher deutlich verbessert. Auch die Pandemie habe hier als Booster gewirkt. Psychische Belastungen rechtzeitig zu erkennen, diese ernst zu nehmen und im Bedarfsfall professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, sei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. „Der Ausbau niederschwelliger Beratungsangebote wie jenem von Rat auf Draht wäre daher umso wichtiger, um bereits präventiv gegenzusteuern. Ebenso wären mehr und schneller verfügbare Therapieplätze für Kinder und Jugendliche dringend notwendig. Wenn sich Jugendliche schon überwinden, über ihre Ängste und Sorgen zu sprechen, sollten sie dann nicht drei Monate oder mehr auf weiterführende Therapiemöglichkeiten warten müssen“, so Satke.

Das Angebot von Rat auf Draht finanziert sich zum Großteil aus Spenden.
Spendenkonto IBAN: AT10 2011 1827 1734 4400

Die Notrufnummer 147, die sich ausschließlich an Kinder & Jugendliche richtet, ist in dieser Form Österreichs einziger derartiger Service. Hier finden Österreichs Kinder und Jugendliche 24h Hilfe und Beistand bei allen herausfordernden Situationen des Lebens – kostenlos & anonym. Mit der Chatberatung steht ein zusätzlicher Beratungskanal zur Verfügung. Mehr Infos unter: www.rataufdraht.at

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