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Home » Impfen: Strategien für höhere Durchimpfungsraten
Gesund bleiben

Impfen: Strategien für höhere Durchimpfungsraten

MedUni WienVon MedUni WienJänner 8, 2020Aktualisiert:März 5, 20266 Minuten Lesezeit
© Shutterstock
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Am Österreichischer Impftag 2020 am 18. 1. im Austria Center Vienna steht die Erhöhung der Durchimpfungsrate in Österreich im Mittelpunkt der Diskussionen.

Die generellen Durchimpfungsraten in Österreich sind seit Jahrzehnten zu niedrig und haben auch hier zu einer Renaissance von schweren Infektionskrankheiten wie Masern oder Keuchhusten (Pertussis), aber auch zu vielen mit der echten Grippe (Influenza) assoziierten Todesfällen geführt. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz von MedUni Wien, Österreichischer Ärztekammer und Österreichischer Apothekerkammer anlässlich des Österreichischen Impftags am 18. Jänner 2020 wurden neue Strategien präsentiert – mit dem Ziel, künftig höhere Durchimpfungsraten zu erzielen und dadurch die „Impflücken“ zu schließen.

„Bei Masern halten wir bei der ersten Impfung bei den 2- 5-Jährigen noch bei einer guten Durchimpfung von fast 95 Prozent“, sagt Ursula Wiedermann-Schmidt, Leiterin des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien und wissenschaftliche Leiterin des Impftags 2020. „Aber bei der dringend nötigen zweiten Impfung sinkt diese Rate bei den kleinen Kindern auf etwa 81 Prozent. Bei den 15- bis 30-Jährigen verfügen nur knapp 70 Prozent über einen kompletten Impfschutz mit zwei Dosen. Dadurch wird die hochinfektiöse Erkrankung am Leben gehalten und Kleinkinder, schwächere und ältere Personen sowie Immunsupprimierte gefährdet. Der Herdenschutz funktioniert nicht mehr.“
Damit die Masern eliminiert werden können, müssten laut Weltgesundheitsorganisation WHO mindestens 95 % der Gesamtbevölkerung beide Impfungen haben. Ganz dramatisch sieht es bei der Influenza-Impfung aus: „Hier liegt die Durchimpfungsrate in Österreich unter 10 %. Es ist aber bekannt, dass hunderte Todesfälle pro Jahr die Folgen einer Influenza-Erkrankung sind“, betont sie. „Wir wissen, dass das Gesundheitspersonal eine ganz zentrale Rolle spielt in der Aufklärung und Vorbildhaltung was Impfungen betrifft. Daher sollen die bislang nur empfohlenen Impfungen für das Gesundheitspersonal nun unter gesetzlicher Vorgabe verpflichtend sein. Eine entsprechende Stellungnahme wurde nun vom OSR (Anm.: Oberster Sanitätsrat) einstimmig beschlossen und soll der künftigen Regierung vorlegt werden“.

Diese betrifft das österreichische Gesundheitspersonal, also Personengruppen mit wiederholtem und sehr nahem Kontakt zu PatientInnen und/oder PatientInnenmaterial: ÄrztInnen, PflegerInnen und Krankenschwestern, aber genauso medizinische Assistenz und Hebammen. Wiedermann-Schmidt: „Die verpflichtenden indizierten Impfungen sollen nicht nur bei Eintritt in den Gesundheitsbereich erfolgen, sondern auch alle Personen betreffen, die bereits im Gesundheitswesen tätig sind und wiederholt Auffrischungsimpfungen benötigen.“
Wie Maßnahmen inklusive verbesserter Kommunikation zur Impfpflicht in anderen Ländern – zuletzt eingeführt in Deutschland – funktionieren, ist eines der Schwerpunktthemen am Impftag. Eine weitere Forderung zur Verbesserung der Durchimpfungsraten betrifft soziale Einrichtungen: Künftig soll es vor Eintritt eines Kindes in den Kindergarten bzw. in die Volksschule ein verpflichtendes ärztliches Impfgespräch mit den Eltern geben, auch hierfür soll die gesetzliche Grundlage geschaffen werden mit der Aufnahme in den Mutter-Kind-Pass.
Zur nachhaltigen Verbesserung der Impfsituation und Dokumentation in Österreich, so Wiedermann-Schmidt, ist die Einführung des elektronischen Impfpasses unumgänglich. Eine Pilotphase soll 2020 starten, bis 2022 soll die flächendeckende Einführung erfolgen. Der besondere Nutzen liegt in einem Erinnerungssystem für die PatientInnen sowie in der Etablierung eines Impfregisters mit dessen Hilfe die Durchimpfungsraten festgestellt, aber auch gezielte Impfprogramme in den Altersgruppen mit den größten Impflücken implementiert werden können.

„Die Österreichische Ärztekammer bekennt sich zur Steigerung der Durchimpfungsraten zu einem umfassenden Maßnahmenpaket, das auch klar eine Impfpflicht für jene im Gratisimpfkonzept verankerten Impfungen, speziell die Masern-Mumps-Röteln-Impfung, umfasst“, sagt Rudolf Schmitzberger, Leiter des ÖÄK-Impfreferates: „Wir erachten auch die intensivierte Impfaufklärung vor allem im Rahmen der Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen für sehr wichtig. Diese zeitintensive Aufklärung hat aber honoriert zu werden. Es ist nicht mehr zu akzeptieren, dass die Honorierung für die Mutter-Kind-Pass-Untersuchung seit Jahren
nicht valorisiert wurde. Wir appellieren weiters an die ethische Verantwortung der Bevölkerung: Impfen bedeutet nicht nur Eigenschutz, sondern auch Schutz der Umgebung, entsprechend dem Motto: ‚Kleine schützen Große – Große schützen Kleine‘. Der Egoismus einer kleinen Minderheit darf nicht die Gesamtbevölkerung gefährden.“
„Daher sind unseres Erachtens auch regulatorische Eingriffe notwendig“, so Schmitzberger: „Nichtimpfen muss unbequem werden. Wir könnten uns eine Koppelung an den Mutter-Kind-Pass vorstellen: Ohne Nachweis der altersentsprechenden Impfungen im Gratiskonzept bis zum 16. Lebensmonat erfolgt eine Reduktion des Kinderbetreuungsgeldes um 50 Prozent.“ Bei den verpflichtenden zehn Untersuchungen im Mutter-Kind-Pass in Schwangerschaft und bis zum 1. Lebensjahr funktioniere dies vergleichsweise gut. „Wir fordern des Weiteren einen verpflichtenden Nachweis des Impfschutzes bzw. der Immunität durch  durchgemachte Erkrankung vor Besuch von Kinderbetreuungseinrichtungen“, sagt Schmitzberger. Eine generelle Impfpflicht umfasse natürlich besonders alle Healthcare worker. „Diese Berufsgruppe hat eine besondere ethische Verantwortung, gegen impfpräventable Erkrankungen geschützt zu sein. Dies betrifft ebenfalls jegliches pädagogisches Personal. Besonders wichtig ist es uns auch, kontinuierlich positive PR-Maßnahmen zu setzen, um speziell impfskeptische Eltern davon zu überzeugen, dass Kinder ein Recht auf Impfungen haben. Denn zum Grundrecht auf bestmögliche Gesundheit gehört auch das Recht, durch Schutzimpfungen vor impfpräventablen Erkrankungen geschützt zu sein.“

„EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis hat vor kurzem für eine Impfpflicht in Ländern mit sinkenden Impfraten plädiert und fordert alle Länder auf, stärker gegen falsche Informationen und Impfskepsis zu kämpfen. Dieser Aufforderung kommen wir Apothekerinnen und Apotheker gerne nach. Mit mehr als 400.000 Patienten- und Kundenkontakten pro Tag sind die heimischen Apotheken die ersten Anlaufstellen für die Bevölkerung in Gesundheitsfragen. Daraus ergibt sich für die Apothekerinnen und Apotheker zum einen eine immense Verantwortung, zum anderen die große Chance, auf das Gesundheitsbewusstsein der Menschen positiv Einfluss zu nehmen.
Das gilt besonders beim Impfen, einem Thema, das sehr kontroversiell diskutiert wird und bei dem in der Öffentlichkeit als Folge von Informationsdefiziten eine große Unsicherheit herrscht. Die bekannten 1-3 % Impfgegner in der Bevölkerung werden wir wahrscheinlich auch mit bester Information und Aufklärung nur schwer erreichen, aber die 20-30 % der Impfskeptiker können wir durch gezielte Beratung und Beantwortung ihrer Fragen motivieren, sich doch impfen zu lassen“, sagt Gerhard Kobinger, Präsidiumsmitglied der Österreichischen Apothekerkammer.
„Mit dem e-Impfpass lassen sich in Zukunft erfolgte Impfungen in übersichtlicher Form dokumentieren und abrufen. Anstehende Impfungen können besser geplant werden. Darüber hinaus ist der e-Impfpass ein zentrales Werkzeug und bietet in der Apotheke die Möglichkeit zur Impfmotivation und damit zur Erhöhung der Durchimpfungsraten in der Bevölkerung, und führt dadurch zu einer besseren Prävention gegen Infektionskrankheiten. Die umfassende Nutzung des e-Impfpasses stellt auch für die Apothekerschaft einen wesentlichen Beitrag dar, die kostengünstigste und effektivste Vorsorgemaßnahme, die die Wissenschaft kennt, das Impfen, tatkräftig zu unterstützen. Denn Vorsorgen ist immer günstiger als Heilen.“

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