Eine erwachsene Tochter beendet die Beziehung zu ihren Eltern. Oft sind davon auch die Enkelkinder betroffen. Welche Gründe gibt es für diesen Kontaktabbruch und kann die Beziehung wieder in Ordnung gebracht werden?
Maria, 71, sitzt mir in meiner Praxis gegenüber und weint. Vor sieben Jahren hat ihre Tochter Chris eine Familienfeier verlassen und lehnt seither jeden Kontakt ab. Auf meine Frage, was denn damals geschehen ist, antwortet sie: „Nichts. Gar nichts.“
Diese Reaktion erlebe ich in Fällen von Beziehungsabbrüchen zwischen Kindern und Eltern immer wieder. Im Falle von Maria und Chris habe ich die Chance, auch die andere Seite zu hören. Denn obwohl die Tochter seit sieben Jahren auf keinen Kontaktversuch ihrer Mutter reagiert hat, stimmt sie doch einem Gespräch mit mir zu. So erfahre ich, dass die Mutter immer den Bruder bevorzugt hat. Sogar als es um die Ausbildung ging, stand Gerd an erster Stelle. Chris wollte gerne studieren, aber ihre Eltern lehnten finanzielle Unterstützung mit der Begründung ab, sie wäre nicht klug genug dafür. Gerd hingegen bummelte mit dem Studium vor sich hin und gab es schließlich auf. Seither sitzt er daheim und lässt sich von den Eltern erhalten. Chris hat auch ohne Hilfe ihren Abschluss in Rechtswissenschaften gemacht. Bei besagter Familienfeier wurde die Mutter gefragt, warum Gerd nichts arbeite, und sie sagte: „Er ist einfach zu sensibel für diese Welt. Chris hat keine Nerven, darum hat sie auch das Studium beendet, obwohl sie nicht so gescheit ist wie Gerd.“ Dieser Ausspruch war der Auslöser dafür, dass Chris nicht nur das Treffen, sondern auch die Familie verließ.
Warum bricht eine Tochter den Kontakt mit ihren Eltern ab?
Immer geht es darum, dass sie sich schon früh nicht gesehen, gehört und geliebt fühlte. Vielleicht wurde sie herabgesetzt, war dauernden Vorwürfen ausgesetzt, oder die Eltern mischten sich auch noch später ständig in ihr Leben ein. Auch physische, psychische oder sexuelle Gewalt sind der Auslöser, dass erwachsene Kinder irgendwann die Beziehung abbrechen.
Wie fühlt sich die Tochter, wenn sie mit den Eltern gebrochen hat?
Sie ist erleichtert. Oft wird sie von einem Partner in dieser Entscheidung bestärkt. Sehr häufig hat sie in der Folge auch zu anderen Familienmitgliedern keinen Kontakt mehr, die gar nicht unmittelbar an den Ereignissen beteiligt waren. Schwierig wird es, wenn Enkel da sind, die eine gute Beziehung mit den Großeltern hatten und plötzlich nicht mehr auf Besuch dürfen. Da wird seitens der Tochter manchmal auch gelogen. Die Großeltern seien so krank, dass sie nicht mehr mit den Kindern spielen könnten, oder sie seien nach Amerika gezogen.
Doch es fand nie eine wirkliche Konfliktlösung statt, und deshalb holt sie irgendwann ihre Geschichte ein. Das kann sein, wenn ein Elternteil im Sterben liegt oder schon gestorben ist. Denn tief im Inneren sehnt sich die Tochter bewusst oder unbewusst ein Leben lang nach der Liebe ihrer Eltern.
Was fühlen die Eltern bei einem völligen Kontaktbruch?
Neben Verzweiflung, depressiver Verstimmung, körperlichen Symptomen, Schlaflosigkeit und Scham fühlen die Eltern auch Zorn und überlegen, die Tochter innerlich „aufzugeben“. Sie sind sich in den allermeisten Fällen keinerlei Schuld bewusst. Ich höre dann Aussprüche wie: „Wir hatten doch immer ein enges Verhältnis“. Wenn ich dann mit der Tochter spreche, finden sich allerdings sehr wohl Gründe für deren Verhalten. Es kann auch sein, dass die Mutter Geschehnisse vollkommen verdrängt und die Tochter als Lügnerin bezeichnet. Das ist in Fällen von sexuellem Missbrauch sehr häufig.
Kann die Beziehung geheilt werden?
Das ist möglich, wenn die Mutter sich ehrlich bemüht, den Schmerz ihrer Tochter zu verstehen und sich entschuldigt. Dann kann Heilung geschehen. Ein völliger Abbruch ist allerdings dann am besten, wenn Gewalt im Spiel war, keinerlei Einsicht seitens der Eltern erfolgt und die Tochter nun ihre eigenen Kinder schützen muss.
Wie kann eine Therapie helfen?
Häufig sucht zuerst die Mutter oder beide Eltern Unterstützung. Wenn möglich, wird dann die Tochter eingeladen, einmal ohne Eltern ihre Sicht der Dinge zu erzählen. Kommt sie zur Therapie, stehen die Chancen gut, danach eine Sitzung mit der ganzen Familie zu abzuhalten.
Und dann besteht Hoffnung!

