Schlafenszeiten, wichtige Termine und Urlaube werden bei Barbara, Reinhard, Lea, Mia und Paul in den monatlichen Familienkonferenzen, den sogenannten „Famicons“, besprochen. Zuerst beginnt aber immer alles mit einem ehrlichen „Hallo, wie geht’s?“.
„Für mich bedeutet Demokratie, dass alle Familienmitglieder ein Mitspracherecht haben. Es also nicht so ist, dass automatisch immer nur die Eltern recht haben, sondern auch wir mitreden können und unsere Ideen auch Beachtung finden“, erklärt die 15-jährige Lea selbstbewusst. In ihrer Familie wird einmal pro Monat eine Familienkonferenz abgehalten – eine sogenannte „Famicon“, die dazu dienen soll, dass Eltern wie Kinder ihre Wünsche, Beschwerden, Bedürfnisse und Sorgen in einem sicheren Rahmen anbringen können. Auch Leas jüngere Geschwister, die zwölfjährige Mia und der zehnjährige Paul, finden die Idee gut. Vor allem wenn es darum geht Schlafenszeiten neu auszuverhandeln, ergänzt Mia und lacht. Von ihr kam im Rahmen einer der monatlichen Konferenzen auch die Idee als Familie eine digitale Auszeit zu nehmen.
„Wir haben es sehr spannend gefunden, dass eine solche Idee von einem der Kinder kommt. Der Vorschlag hat dadurch einen ganz anderen Charakter bekommen – hätten wir das vorgeschlagen oder überhaupt einfach beschlossen, dass wir das jetzt machen, wäre die Idee bestimmt auf Gegenwehr gestoßen“, erzählen Barbara und Reinhard, die Eltern der drei Kinder. Ihnen war es immer wichtig, nicht zu viele Dinge über den Kopf der Kinder hinweg entscheiden zu müssen. Obwohl es in der endgültigen Entscheidungsphase Grenzen geben muss, sind die beiden also stets bemüht, ihren Kindern das Gefühl zu geben, dass jeder Vorschlag seinen Platz hat und man im Zuge der „Famicon“ gemeinsam erörtert ob dieser realisierbar ist oder nicht. Ein Konzept, das in ähnlicher Form auch in der sozialen Arbeit angewandt wird, um innerhalb des sozialen Umfelds eines oder einer auffällig gewordenen Jugendlichen nach Lösungen zu suchen. Wie Michael Thaler vom Institut für Sozialdienste in Bregenz erklärt, kann dem Familienumfeld so ein gewisses Maß an Stärke zurückgegeben werden. Gleichzeitig erfährt der oder die Jugendliche jene Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die in einer solchen Situation unglaublich wertvoll sein kann.
Alle an einem Tisch
Die Idee der Familienkonferenz als Konfliktlösungsstrategie geistert schon sehr lange herum. Der US-amerikanische Psychologe Thomas Gordon brachte den Begriff bereits in den 1960er-Jahren in den Erziehungsdiskurs ein und probierte, auf diesem Weg seine Idee eines partnerschaftlichen Umgangs von Eltern und Kindern verständlich zu machen. Auch Gordon ging es bereits darum, Kindern im Familienalltag ein Mitspracherecht einzuräumen und sie so zu jungen Menschen zu erziehen, die Verantwortung für ihre Vorschläge und die gemeinsam getroffenen Entscheidungen übernehmen können. „Wir haben uns zwar lange Zeit nicht bewusst darüber unterhalten, die Idee, das so zu machen, war bei uns aber schon immer irgendwie vorhanden. Lea war schon als Kleinkind so, dass man mit ihr Dinge besprechen und Alternativvorschläge machen konnte – ich glaube, dass die Idee, das irgendwann zu systematisieren, auch daraus entstanden ist. Je mehr Kinder es wurden, desto mehr wollten wir auch wirklich jeden und jede wahrnehmen. Das war für uns in weiterer Folge ausschlaggebend“, erklärt Barbara. Die „Famicons“ hält die fünfköpfige Familie zwar erst seit einem Jahr in dieser genau eingehaltenen Regelmäßigkeit ab, allerdings gab es auch zuvor schon viele Situationen, in denen sich alle Familienmitglieder gemeinsam an einem Tisch gesetzt haben, um Termine oder Haushaltsthemen zu besprechen.
„Hallo, wie geht’s?“
Vor allem zu Ferienzeiten ist die terminliche Koordination fixer Bestandteil der meisten Konferenzen. Häufig geht es aber auch um Themen wie Schlafenszeiten oder Schule. „Beschwerden sind natürlich auch ein Thema. Klassiker wie ‚Du hörst mir nie zu‘ gehören da natürlich auch dazu“, ergänzt Reinhard. Diese werden dann durchaus in beide Richtungen abgefeuert. Die Konferenzen sind aber auch eine gute Möglichkeit, um Regeln und Dinge zu hinterfragen, aus denen die Kinder einfach unbemerkt herausgewachsen sind. „In der ganzen Betriebsblindheit des Familienalltags haben mir die ‚Famicons‘ schon öfter die Augen geöffnet“, ergänzt Barbara und muss wohl damit rechnen, mit dieser Aussage eine erneute Diskussion über Schlafenszeiten losgetreten zu haben. Wichtig ist allen auch die sogenannte „Hallo- Wie-Geht’s-Runde“, die am Beginn jeder Familienkonferenz steht. In dieser darf jeder mal sagen, wie es einem gerade geht und was gerade los ist – und zwar ohne dass die anderen Familienmitglieder Kommentare dazu abgeben. Eine tolle Idee, wie Barbara bestätigt – schließlich gehört auch ein „wie geht’s“ hin und wieder mal an einen Tisch mit Tee und Keksen und nicht immer nur zwischen Tür und Angel.



