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Home » Die Kinderbuch-Rebellin ist nicht mehr
Medien

Die Kinderbuch-Rebellin ist nicht mehr

Sandra WobrazekVon Sandra WobrazekJuli 14, 20184 Minuten Lesezeit
© G&G Verlag
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Christine Nöstlinger ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Die Autorin prägte mit ihren Figuren ganze Generationen von jungen Lesern.

Gleich ob die feuerrote Friederike, der schräge Franz Fröstel oder die aufgeweckte Christine im autobiografischen Roman „Maikäfer, flieg!“ – keine der Figuren von Christine Nöstlinger war angepasst oder eines der klassisch braven und stillen Kinder. Sie alle hatten Ecken und Kanten, setzten sich durch und ließen sich von Erwachsenen nicht gerne etwas sagen. Auch die 1936 im Wiener Arbeiterbezirk Hernals geborene Autorin war Zeit ihres Lebens nicht angepasst: Sie war so etwas wie das literarische Kindergewissen der Republik, sagte stets, was sie sich dachte. Nöstlinger war gerade deshalb ebenso wie ihre Werke einzigartig und genau das macht sie über ihren Tod am 28. Juni hinaus zur wichtigsten Kinderbuchautorin Österreichs.

Das Besondere an Nöstlinger: keines ihrer Kinderbücher enthielt den erhobenen Zeigefinger oder predigte bestimmte Moralvorstellungen. Ähnlich wie ihre weltbekannte, schwedische Kollegin Astrid Lindgren propagierte auch Christine Nöstlinger die Freiheit des Kindes und des Geistes – und forderte ihre jungen Leser dazu auf, die Welt zu entdecken und keine Angst zu haben. Nöstlinger hatte ein enormes Gespür dafür, was Kinder und Jugendliche lesen möchten, welche Probleme sie beschäftigen, wovon sie träumen. Dabei war ihre Sprache niemals kitschig oder romantisierend – im Gegenteil: Nöstlingers literarische Kinder sprachen Probleme stets an, sie schönte das Leben nicht und lies Eheprobleme der Eltern ebenso in ihren Werken vorkommen, wie Ängste und Sorgen der Kinder, denn die heile Welt war niemals Nöstlingers Sache. Die Millieus, die sie in ihren Werken schildert, sind ebenso authentisch, wie ihre Sprache, die sich stark an den Wienerischen Dialekt anlehnte und auf künstlich-unrealistische Dialoge pfiff. Nöstlinger schrieb so, wie Kinder sprechen – und genau das macht sie bis heute für junge Leser zu spannend, denn kaum ein Kinderzimmer in dem keine Ausgabe von „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“, „Nagle einen Pudding an die Wand!“ oder „Rosa Riedl, Schutzgespenst“ steht.

© G&G Verlag – Die Kinder in Nöstlingers Büchern sind, wie auch Lumpenloretta, unangepasst und phantasievoll.

Wer nach dem Grund für Christine Nöstlingers, die sich immer wieder in Interviews  als „nicht besonders“ kinderlieb bezeichnete, Stil sucht, muss einen Blick auf ihre Kindheit werfen. Die Tochter zweier Sozialdemokraten wuchs in einfachen Verhältnissen im Nationalsozialismus beziehungsweise im Wien der Nachkriegszeit auf. Alles Autoritäre war schon ihren Eltern, die Christine und deren Schwester stets vor blindem Gehorsam warnten, immer ein Gräuel und die kleine Christine war stets immer schon frecher als andere Kinder betonte sie in ihren Erinnerungen. Einen Einblick in die bewegte Kindheit Nöstlingers gibt ihr autobiografischer Roman „Maikäfer, flieg!“, der 2016 von Regisseurin Mirjam Unger fürs Kino verfilmt wurde und zeigt: Die kleine Christine hatte nicht einmal Angst vor den Wien erobernden Russen, freundete sich sogar mit ihnen an, als sie das Haus ihrer Familie besetzten und sich dort breit machten.

© Beltz Verlagsgruppe – In dem autobiografischen Roman „Maikäfer, flieg!“ berichtet Christine Nöstlinge von ihrer Kindheit im Wien der Nachkriegsjahre.

Rund 150 Bücher, die in über 30 Sprachen übersetzt wurden, hat Christine Nöstlinger im Lauf ihres Leben verfasst. Auch wenn sie mit ihrer Kinderliteratur bekannt wurde, hat Nöstlinger auch zahlreiche Werke für Erwachsene verfasst, schrieb für Zeitungen, den Rundfunk und das Fernsehen: Ihre Millieustudie „Iba de gaunz oamen Leit“ wurde  für die Bühne adaptiert und die schnurrend-quietschige Stimme ihrer legendären Radiofigur Dschi Dsche-i Wischer Junior kennen alle, die Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre Kind waren. In der täglichen Ö3 Comedy-Sendung plaudert der junge Wischer über seinen Alltag – von Schulproblemen über Ärger mit den Eltern bis hin zur Fragen wie man sein Taschengeld ausgibt. In einem ihrer letzten Interviews sagte Christiane Nöstlinger noch vor kurzem, dass sie mit dem Schreiben für ein junges Publikum aufgehört habe, weil sie die Kinder von heute und ihre Welt nicht mehr verstehe. Mit ihrem Tod am 28. Juni ist eine der ganz Großen der Kinderliteratur gegangen – doch ihre zeitlosen Werke werden wohl noch viele Generationen von Kindern begeistern und von ihnen verstanden werden.

© Residenz Verlag – Christine Nöstlinger verfasts im Lauf ihrer Karriere rund 150 Bücher, darunter auch zahlreiche Werke für Erwachsene.
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Sandra Wobrazek

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