Jeder hat sie schon gesagt, doch niemand will sie hören. Ein wenig Gelassenheit, Mut zur Verantwortung und Spaß an kreativen Lösungen können helfen, die unliebsamen Wenn-Dann-Sätze aus der Erziehungs-Grammatik zu verbannen.
„Wenn du nicht aufisst, gibt es keinen Nachtisch“ – „Wenn du nicht sofort aufhörst Sand zu werfen, gehen wir nach Hause.“ Und der Klassiker: „Wenn du jetzt nicht kommst, gehe ich ohne dich.“ Sätze wie diese sind häufig zu hören – das macht sie aber nicht unbedingt besser. Denn Wenn-Dann-Konstruktionen sind in der Regel kontraproduktiv. Sie sind ein guter Hinweis darauf, dass Eltern ihre Machtposition ein Stück weit ausreizen, um das Kind zu einer gewünschten Reaktion zu bringen – und damit tun sie weder sich noch ihrem Kind einen Gefallen. „Meistens steht Druck dahinter. Druck, den die Eltern haben und in stressigen Situationen an ihr Kind weitergeben“, weiß Michaela Auer-Ottenschläger. Für familiii hat die Familienberaterin und Pädagogin das Phänomen einmal genauer unter die Lupe genommen, klassische Wenn-Dann-Fallen analysiert und sich außerdem mögliche Alternativen überlegt.
Aber, was passiert denn nun eigentlich genau, wenn wir in den Wenn-Dann-Modus fallen? Im Grunde handelt es sich um Erpressung, selbst dann, wenn sie „liebevoll-konsequent“ verpackt wird. Dem Kind wird signalisiert, dass es keine andere Möglichkeit hat als sich dem Elternwunsch entsprechend zu benehmen, vor allem aber, dass gar nicht erwartet wird, dass es das freiwillig tut. Und genau an diesem Punkt tut sich schnell eine Negativ-Spirale auf, nämlich dann, wenn der Gewöhnungseffekt eintritt, die Kinder nicht mehr reagieren und die Eltern zu immer stärkeren Druckmitteln greifen.
Was aber sofort passiert, ist, dass die Verantwortung für die Situation plötzlich beim Kind liegt und nicht länger beim Erwachsenen. „Sobald ich in den Machtkampf reingehe, stelle ich mich auf die gleiche Stufe wie das Kind und fange an, zu ziehen. Das ist keine erwachsene Haltung“, so Familiencoach Auer-Ottenschläger. Und weiter: „Mit dem Machtspiel fangen immer die Eltern an.“ Womit Auer-Ottenschläger den Eltern keine schlechten Absichten unterstellen will. „Dahinter liegt meistens Stress, Zeitdruck ist ein ganz klassisches Phänomen. Wenn dann auch noch das Kind nicht „funktioniert“, geraten die Eltern in noch größeren Stress und werden blind für andere Möglichkeiten.“ Hakt es in den immer gleichen Situationen, lohnt es sich jedenfalls, einmal genauer hinzusehen und in einem ruhigen Moment nach Lösungsstrategien zu suchen.
Kinder wollen kooperieren. Wir sollten sie aber auch lassen.
Michaela Auer- Ottenschläger
Dialog statt Drohung
Denn es geht nicht darum, das Ziel aus den Augen zu verlieren, also etwa pünktlich aus dem Haus zu kommen oder das Kind vom Sandwerfen abzubringen, nur spielt der Weg dorthin eben auch eine Rolle. „Es ist wichtig in Verbindung zu bleiben, das Kind zu sehen und in Führung zu gehen“, sagt Auer-Ottenschläger und meint damit vor allem Dialog statt Drohung. „Wenn ich mein Bedürfnis zeige und ein ehrliches Interesse an den Bedürfnissen meines Kindes habe, dann bin ich auf einer persönlichen Ebene, ich zeige mich und übernehme sofort Verantwortung. Es herrschen Gleichwürdigkeit und ein Miteinander.“ Das bedeutet nicht immer pure Harmonie. Muss es auch nicht, Konflikte sind gut und im Idealfall konstruktiv, nur wird die Verantwortung für den Konflikt nicht auf den Schultern des Kindes abgeladen. Doch was heißt das jetzt praktisch, etwa für die Sandwerf-Situation?
„Zuerst muss ich genau schauen, was da passiert. Ist es eine ungeschickte Art, Kontakt aufzunehmen? Fühlt sich mein Kind bedrängt? Was steckt dahinter? Dann kann ich vermitteln, kann verbinden oder meinem Kind helfen, sich friedvoll abzugrenzen. Dabei lernt das Kind viel, nämlich über die Grenzen des anderen Kindes und die eigenen. Wird es einfach nur bestraft, hat es gar nichts gelernt.“
Ein Nein darf sein
Dabei ist es auch für Mütter gar nicht immer so einfach, sich abzugrenzen – von der (vermeintlichen) Meinung der anderen Spielplatzmütter, der tickenden Uhr und nicht zuletzt den eigenen Ansprüchen. Allesamt Faktoren, die den Stresspegel in die Höhe und einen im Zweifelsfall wieder in die Wenn-Dann- Gasse treiben. Gelassen bleiben kann nur, wer noch Ressourcen dafür hat. „Viele Eltern glauben, sie müssen immer Ja sagen. Das ist eine Falle, die irgendwann zuklappt. Es ist ganz wichtig, Nein zu sagen, wenn es um die persönlichen Grenzen geht.“ Damit dieses Nein aber nicht aggressiv kommuniziert wird, muss es nachvollziehbar sein und früh genug kommen. „Ich will, dass meine Grenzen gewahrt werden, also muss ich das dem Kind vorleben. Und ich bin gefordert, die Grenzen meines Kindes zu wahren. Die Kinder lernen dadurch, dass ich achtsam mit ihnen umgehe, achtsam mit anderen umzugehen.“
Gesucht: Kreative Lösungen.
Was immer erlaubt ist: gemeinsam kreative Lösungen suchen und zu überlegen, ob man das Nein des Kindes nicht einfach stehen lassen kann. Das Kind will seine Jacke nicht anziehen? Vielleicht ist ihm einfach nicht kalt. Morgens ist immer zu wenig Zeit? Vielleicht kann das Kind unterwegs frühstücken. Vor der Supermarktkasse herrscht regelmäßig Dramaalarm? Vielleicht kann das Kind beim Einkaufen Aufgaben übernehmen, die ihm Spaß machen. Und wenn sonst nichts klappt, hilft vielleicht ein Witz. Auer-Ottenschläger: „Humor baut Spannung ab, ganz plötzlich sieht man so vielleicht auch neue Lösungsmöglichkeiten.“
Verantwortung abgeben: „Wenn du dich jetzt nicht endlich anziehst, sagen wir den Ausflug ab und bleiben zuhause.“ Hektische Aufbruchstimmung, das Freizeitprogramm wartet. Es geht in den Zoo, zum Kindergeburtstag oder zu Tante Margarete. So oder so sollte die Familie schon längst los, doch das Kind ist noch nicht einmal angezogen. Schon ist es gesagt: „Wenn du jetzt nicht kommst, bleiben wir eben daheim.“ Erziehungsexpertin Auer-Ottenschläger: „Mit diesem Satz übertrage ich die ganze Verantwortung für die Situation, aber auch die schlechte Stimmung auf das Kind. Ich sage im Grunde: Du bist schuld, wenn wir keine schöne Zeit haben. Das ist unangebracht und ziemlich sicher auch nicht wahr. Besser wäre es vielleicht, das Anziehen in ein Spiel zu verpacken oder Jacke und Schal einfach einzupacken und erst im Bus anzuziehen. Man darf es sich auch leicht machen!“ Klassische Erpressung: „Wenn du jetzt nicht isst, gibt es keinen Nachtisch!“ Es ist ein Rumgezappel und Herumgestochere. Seit einer gefühlten Ewigkeit sitzt der Nachwuchs vor dem liebevoll angerichteten Teller, macht keine Anstalten, auch nur zu kosten: „Wenn du jetzt nichts isst, dann gibt es auch keinen Nachtisch.“ Auer-Ottenschläger: „Ich könnte auch sagen: ‚Spür mal nach, ob du wirklich satt bist‘ und akzeptieren, wenn mein Kind keinen Hunger hat. Natürlich kommen da auch verschiedene Bedürfnisse zusammen, vielleicht ist es mir schade um das Essen, vielleicht fühl ich mich auch nicht gewertschätzt für meine Mühe, vielleicht will ich, dass mein Kind gut und gesund ernährt ist. Das darf ich auch kommunizieren, hier Druck auszuüben, ist aber nicht hilfreich. Die Probe ist ganz leicht: Würde ich diesen Satz zu einer Freundin sagen? Wenn ich die Frage mit Nein beantworte, bin ich wahrscheinlich gerade nicht in einem gleichwürdigen Austausch.“ Die leere Drohung: „Wenn du jetzt nicht kommst, geh ich ohne dich!“ Das Kind rutscht und schaukelt, ist versunken in seine Sandbauten. Die Mutter will jetzt gehen. Das sagt sie einmal, zweimal und dann kommt es: „Wenn du jetzt nicht kommst, geh ich ohne dich.“ Alleingelassen zu werden, ist eine Urangst, deswegen ist diese Drohung einfach unangemessen. Gerade bei kleinen Kindern wird es daher auch funktionieren, aber eben nur so lange, bis bemerkt wird, dass es sich um eine leere Drohung handelt. Auer Ottenschläger: „Übergänge sind schwierig für Kinder, und dazu gehören auch Ortswechsel. Deswegen sollte man das Kind angemessen darauf vorbereiten. Situationen, die immer wiederkehren wie jene am Spielplatz, kann man ritualisieren, also immer auf die gleiche Art einleiten. Hat man die Entscheidung getroffen, dass es nun wirklich Zeit ist, zu gehen, kann man auch einfach sagen: ‚Das ist jetzt so‘ und in der Verantwortung bleiben, anstatt seinem Kind Angst einzujagen.“ Previous Next
