Die Hirnforschung gibt immer mehr Hinweise darauf, wie Lernen eigentlich funktioniert. Nun müssen diese Erkenntnisse nur noch in der Schule ankommen. Doch wie kommen Forschung und Praxis am besten zusammen?
Vier Schüler der 4. Klasse an der Langwiesenschule Engstlatt bereiten gerade den Unterricht vor. Konzentriert proben sie jene Experimente, die sie heute noch vorzeigen werden. Nämlich dann, wenn sie selbst zu Lehrern werden und die Fünfjährigen des nahegelegenen Partnerkindergartens zu Schülern aufsteigen. „Wenn ältere Kinder jüngeren etwas beibringen, lernen die Älteren mindestens so viel wie die Jüngeren“, erklärt Manfred Spitzer das Konzept dieser Forscherpatenschaften.
Sie gehören zu einer ganzen Reihe an Impulsen, die den Alltag im Modellschulversuch „Bildungshaus“ von jenem in den meisten anderen Schulen unterscheidet. Außerdem auf dem Programm: Spielen als Fixpunkt im Stundenplan, regelmäßige Aktivitäten in der Natur, vor allem aber eine Umgebung, die anregt, statt einzuschüchtern. An mittlerweile 32 solchen Modellstandorten in Baden-Württemberg werden Schulen und Kindergärten besonders stark verzahnt – begleitet, beobachtet und beraten werden sie vom Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm. Die Erkenntnisse der Gehirnforschung auch in die Praxis zu übertragen, eine Schnittstelle zwischen Neurobiologie und Pädagogik zu schaffen, ist dann auch zentrales Anliegen des Neurowissenschaftlers und Psychiaters Spitzer, der nicht nur Bestseller schreibt und Vorträge hält, sondern eben auch die Psychiatrische Universitätsklinik, sowie das Transferzentrumin Ulm leitet.
Lust passt zu Leistung
Das Spaß am Lernen nichts mit „Kuschelpädagogik“ zu tun hat, sondern vielmehr Voraussetzung für wirklich erfolgreichen Wissenserwerb ist, gilt für den Hirnforscher längst als bewiesen – in der pädagogischen Praxis scheint sich diese Erkenntnis dennoch nur langsam durchzusetzen. Immer noch grassiert eine gewisse „Da muss man eben durch“-Mentalität, die Auffassung, Schule müsse vor allem auf den „Ernst des Lebens“ vorbereiten, „Lust“ und „Lernen“ wären im besten Fall Gegensatzpaare. Dabei sind Neugier und Spaß wichtige Triebfedern, wenn es darum geht, Dinge wirklich zu verstehen. Oder, wie Spitzer es formuliert: „Nicht Fakten, sondern Geschichten treiben uns an.“ Der Ort, an dem diese Geschichten bewertet und sortiert werden, an dem schließlich auch die Entscheidung fällt, ob sie es wert sind, gespeichert zu werden, kann recht genau lokalisiert werden: Der Hippocampus ist nicht größer als ein Zeh, sitzt tief im Temporallappen unseres Gehirns und wird immer dann aktiv, wenn Informationen auf uns einprasseln. Nur was hier als neu und interessant bewertet wird, wird schließlich auch gemerkt – reines Faktenwissen kommt dabei eher nicht durch den Filter. Will man sich die Funktionsweise des Hippocampus zunutze machen, sollte man Schule und Begeisterung zusammen denken.
Alle lernen immer
Eine andere grundlegende Erkenntnis, die die Hirnforschung im Bereich Lernen gebracht hat, lautet: Menschen lernen immer. Sie können gar nicht anders. Die Frage ist nur, was. Das zeigt eine Studieder Universität Cambridge augenscheinlich auf. 109 Kinder zwischen vier und elf Jahren sollten zufällig ausgewählte Tiere und Pflanzen benennen. Der Clou: Unter die Arten wurden auch bekannte Pokémon- Charaktere gemischt. Während die Vierjährigen noch 32 Prozent der Tiere und Pflanzen und nur sieben Prozent der Spielfiguren erkannten, konnten die Siebenjährigen 53 Prozent der natürlichen Spezies, aber ganze 78 Prozent der Pokémons zuordnen. Das ist bemerkenswert, weil sich die Art der Gedächtnisleistung in beiden Fällen nicht unterscheidet – es ist das Interesse der Kinder am Lehrgegenstand, das den Unterschied macht.

Formeln und Fabeln
Auf den ersten Blick wirkt diese Erkenntnis banal – trotzdem ist sie entscheidend. Denn reines Auswendiglernen gehört nach wie vor zum Schulalltag. Bis zu einem gewissen Grad funktioniert das auch: Durch die Wiederholung wird dem Hirn signalisiert, dass es sich um eine wichtige Information handelt. Hat sie für den Lernenden keine echte Bedeutung, wird sie schon bald wieder vergessen. Einfache Experimente, anschauliche Erzählungen, echtes Erleben sorgen hingegen dafür, dass Hormone ausgeschüttet werden (z. B. das Glückshormon Dopamin), die sich wiederum auf die Gedächtnisleistung auswirken. Nicht nur der frühkindliche Spracherwerb weist zudem darauf hin, dass die Formel immer aus dem Ereignis abgeleitet wird, nicht umgekehrt. Schließlich ergibt sich das Wissen um Grammatik und Regelhaftigkeit der Sprache allein aus den praktischen Erfahrungen, eher nicht aus trockenen Erklärungen.
Genau das könnte man sich auch gut für den Fremdsprachenunterricht zunutze machen, schlägt Spitzer vor. So dürfe in den ersten Jahren im Schulfach Englisch gerne nur gesprochen werden, Grammatik und Rechtschreibung sollten erst viel später folgen.
Begeisterung ist ansteckend
Es ist nur eines von vielen Beispielen, das zeigt, wie sich die Erkenntnisse der Hirnforschung auch ganz konkret für den Unterricht nützen lassen. Nicht nur an Spitzers Bildungshäusern werden diese heute gesucht – und immer öfter auch umgesetzt. Wie jene Forscherpatenschaften, die gleichzeitig Fünf- und Zehnjährige für Naturwissenschaften begeistern. Lernen durch Erlebnisse, Wissen zum Anfassen, Altersdurchmischung, Unterricht in Kleingruppen statt im Klassenverband – das sind nur einige der groben Eckpfeiler, auf die sich im Grunde alle Wissenschaftler einigen können. Damit daraus nicht nur leere Phrasen werden, müssen sie in den Praxistest bestehen. Unabhängig von Lehrplan und Konzept bleibt dabei vor allem eine Sache unbestritten: Ob Unterricht klappt, steht und fällt mit der richtigen Lehrperson. Wer begeistert erzählt und vorzeigt, Kindern mit Wissen und Wohlwollen gegenübertritt, bei dem springt der berühmte Funke auch über. Denn während Belehrung meistens abschreckend wirkt, ist Begeisterung tatsächlich ansteckend. Auch das kann man messen.
