„Kinder sind keine Versuchskaninchen“ – Neurowissenschaftler Manfred Spitzer beschäftigt sich mit der Schnittstelle von Hirnforschung und Pädagogik.
Welche Bedeutung haben neurobiologische Erkenntnisse für einen gelungenen Unterricht?
Spitzer: Wie Lernen funktioniert, wurde von der Gehirnforschung in den vergangenen 20 Jahren immer besser aufgeklärt. Mittlerweile sind die Ergebnisse so relevant, dass die Geschäftsmodelle der reichsten Firmen der Welt – Apple, Google, Microsoft, Amazon und Facebook – auf diesem Wissen basieren. Sie bauen Gehirne nach (man spricht von „Machine Learning“) und schaffen es dadurch, dass diese Maschinen uns „Serviceleistungen“ verkaufen. Nur für das Lernen unserer Kinder wenden wir diese Kenntnisse nicht an. Das halte ich für verantwortungslos.
Konnten Sie in den vergangenen zehn Jahren grundlegende Verbesserungen am Schulsystem beobachten?
Nein, es wurde schlechter! Und mit dem Digitalpakt verschwenden wir in Deutschland nun wieder fünf Milliarden. Dabei wurden bereits 2012 wissenschaftliche Arbeiten publiziert, die zeigen, dass mit E-Büchern weniger gelernt wird als mit Büchern und dass digitale Suchmaschinen wie Google zu weniger Lernen führen als die bisher verwendeten Quellen, d. h. Zeitungen, Zeitschriften, Bücher. Eine Metaanalyse über viele Studien zum Vergleich des Lesens von Bildschirmen und von Büchern kam zu dem klaren Ergebnis, dass von Büchern deutlich mehr gelernt wird. Mitschreiben führt zu mehr Lernen als Mittippen, und das Smartphone auf dem Schreibtisch reduziert den IQ – etwa um die Größenordnung der Differenz an Gymnasium und Realschule.
Schon das Smartphone auf dem Tisch reduziert den IQ erheblich!
Manfred Spitzer, Neurowissenschaftler, Psychiater, Autor
Welche konkreten bildungspolitischen Veränderungen würden Sie sich wünschen?
1. Wo Lehrer ausgebildet werden, müssen Schüler unterrichtet werden. Professoren der Pädagogik lehren täglich an Brennpunktschulen (etwa zehn Wochenstunden) und diskutieren die Probleme anschließend mit den Studenten, die hinten sitzen und zuschauen. 2. Keine Reform ohne vorherige Pilotierung. Es kann und darf nicht sein, dass unsere Kinder dauernd flächendeckend Versuchskaninchen spielen. 3. Die Erkenntnisse der Neurowissenschaft endlich ernst nehmen. Und die Bildungspolitik grundsätzlich auf eine wissenschaftliche Grundlage stellen.
